Inhalt von Band 1

Rudolf Breitscheid, Publizistik 1908–1912 enthält folgende Texte aus Nürnberger Anzeiger, Berliner Volks-Zeitung, Das Blaubuch, März, Der Demokrat, Das freie Volk:

cover rubrin BreitscheidEin Jahr nach dem Sylvesterbrief • Faule Früchte. Eine Abrechnung mit dem Block • Freisinn und Demokratie • Junkerpolitik • Demokratie und Jugend • Der Anfang vom Ende • Orient und Okzident • Demagogenverfolgung • Idealismus • Der Kriegerverein • Ist der Friede bedroht? • Die Taktik der Revolution • Nationale Politik und positive Arbeit • Der Radikalismus der Tatenlosigkeit • Die deutsche Tragikomödie • Die Krisis • Hinter der Kulisse • Der springende Punkt • Naumann und die andern • Der demokratische Parteitag • Englische und deutsche Finanzreform • Sechzig Jahre Dreiklassenparlament! • Theodor Barth. Ein politischer Charakter • Der Möbelwagen • Der Block der Linken • Der Generalstreik in Schweden • Schack, Bruhn und das allgemeine Wahlrecht • Das Bild des Kaisers • Verständigung mit England! • Die Politik der Straße • „Bluthunde!“ • Was uns Köln lehren kann • Blockphantasien • Kronprinzenrede • Nordische Reiseeindrücke • Die Hauptsache • Die deutsche Ehre • Magdeburg • Briandismus und Syndikalismus • Das Kettenlied • Thron, Altar und Branntewein • Die Mysterien der Diplomatie • Die Juden • Demokratische Arbeit im Meininger Oberland • Ein Bankerott • Margueritenfest. Ein Brief • Kirche und Freiheit • Mannesmannhaft • Die Partei des Jenseits • Wilhelm der Friedfertige • Die mittlere Linie • Minna Cauer • Die bureaukratische Gefahr • Ein Schritt vorwärts • Was nun?

Leseprobe: „Was uns Köln lehren kann“

Der 2. Parteitag der Demokratischen Vereinigung fand 1910 in Köln statt. In der Parteizeitung Das freie Volk beschrieb Breitscheid die politische Stimmung in seiner Heimatstadt.

[…] Politisch empfindet das Volk im Westen und besonders in den Städten am Rhein freiheitlich. Es zeigte sich von jeher sehr stark auf die Wahrung seiner Rechte bedacht, und so fromm die Bewohner des deutschen Roms waren, und so viele Kirchen und Kapellen auch ihre Stadt zierten, von der Herrschaft der Bischöfe wollten sie wenig wissen. Besonders das 12. und 13. Jahrhundert war ausgefüllt mit den Kämpfen der Bürger gegen den Krummstab, und die Bürger blieben schließlich die Stärkeren. Nachdem der Erzbischof Siegfried von Westerburg bei Worringen eine schwere Niederlage erlitten hatte, war für ihn und seine streitbaren Nachfolger kein Platz mehr in der heiligen Stadt.

Die patrizischen Geschlechter übten dann die Macht aus. Aber schon am Ende des 14. Jahrhunderts hatten sie dem Ansturm der Weber und Tucher zu weichen, und die Zünfte gaben der Stadt eine demokratische Verfassung.

Dazu kam später die Nachbarschaft Frankreichs. Etwas Verwandtschaft mit den Kelten jenseits der Grenzen spürt jeder Rheinländer im Blute, und es war nur natürlich, wenn die Ideen der Revolution in dem westlichen Grenzlande die Köpfe und die Herzen erwärmten. Da, wo die Bevölkerung Freiheitsbäume errichtet hatte, empfand sie dann auch den Übergang an Frankreich keineswegs besonders schmerzlich, und man darf wohl die Behauptung wagen, daß der Friede von Lunéville ihr weit weniger den Beginn einer Fremdherrschaft bedeutete als 14 Jahre nachher der von Wien.

„Noch lieber französisch als preußisch“

Das Aufatmen nach der Schlacht von Waterloo hatte zum großen Teil in der Sehnsucht nach politischer Ruhe seinen Grund. Das deutsche Nationalgefühl regte sich nur sehr schwach, und nun gar preußisch − nein, preußisch wollte man wahrhaftig nicht werden. Unter dem 30. Juni 1814 mußte Sulpiz Boisserée, der mit seinem warmen Romantikerempfinden für die deutsche Kunst des Mittelalters seine Sympathien für die naturrechtliche Staatslehre der Franzosen verbinden konnte, seinem Bruder Melchior klagend mitteilen, daß die Stimmung über Staats- und Weltangelegenheiten am Rhein, in Stadt und Land stark gegen Preußen sei, und daß man nur zu oft das „frevelhafte“ Wort höre: noch lieber französisch als preußisch.

Diese Abneigung gegen das Preußentum hat sich lange behauptet, ja sie ist heute noch nicht verschwunden. Preußische Bureaukratie, preußisch-feudale Schneidigkeit und preußisch-protestantische Nüchternheit stoßen noch immer auf heftigen Widerstand. Der Geist des ostelbischen Junkertums hat unter den westlichen „Mußpreußen“ wenig Freunde. Staatsbürgerliche Freiheit und staatsbürgerliche Gleichberechtigung sind hier Güter, denen ein Wert beigemessen wird. Das heißt also: Der Boden für eine demokratische Politik ist vorhanden. […]

„Was uns Köln lehren kann.“ In: Das freie Volk, 14. Mai 1910

Leseprobe: „Der Möbelwagen“

1909 trat Bernhard von Bülow als Reichskanzler zurück – nach fast neun Jahren im Amt. Kurz vor seiner Demission zeichnete Breitscheid ein wenig schmeichelhaftes Porträt.

[…] Was dem Staatsmann fehlte, der jetzt dabei ist, seine Papiere in Ordnung zu bringen, war die Großzügigkeit, war ein Grundgedanke; war der Wille, nach der einen oder der anderen Richtung hin eine Idee konsequent zu vertreten. Er schmückte sich gern mit Bismarckschen Federn, verbrämte fast jede seiner Reden mit Zitaten des eisernen Kanzlers, und er war doch im besten Falle ein stark verkleinerter Talleyrand. Ein Mann von großer politischer Gewandtheit, dabei aber ohne solide Kenntnisse und ohne gefestigte Überzeugungen. Einer, der vielleicht gelegentlich die Absicht hatte, als ein zweiter Bismarck das Schicksal seines Landes zu werden, aber dann bald wieder einsah, daß es dazu nicht reichte, und sich treiben ließ. Hierhin und dorthin. Nach links und nach rechts. Vom Absolutismus zum Parlamentarismus hin und wieder zurück. In jeder Situation darauf bedacht, „to make the best of it“ und mit Hilfe von Möbelwagen oder geschickt lancierten Zeitungsartikeln seine Position zu befestigen. Aus solchem Holze werden Gesandte auf dem Balkan und diplomatische Helden des Salons geschnitzt. Solch einer kann in bestimmten Zeitläuften auch als Minister des Auswärtigen gute Dienste leisten. Zum leitenden Staatsmann ist er nicht berufen, und wir fürchten, daß die Geschichte den Fürsten Bülow weit hinter seine beiden Vorgänger rangieren wird […]

Er konnte als politisches Rätsel kokettieren

Zweifellos legte der Diplomat, der in Rom mit Schöngeistern jeder Färbung in Konnex gestanden hatte, sehr viel Wert darauf, etwas anders eintaxiert zu werden als so ein Durchschnittsvertreter des preußischen Junkertyps. Sich selbst kam er wohl auch recht liberal vor. Manches Vorurteil, das den Horizont seiner Vettern so eng umgrenzt, war ihm fremd. Er hatte gar viel gelesen, war mit musikalischer und sonstiger Bohème in Berührung gekommen, hatte mit Ludwig Bamberger kausiert, und bei der Gelegenheit, wie man sich erzählt, sich über Menschen und Dinge so ganz anders ausgelassen, als man es von deutschen Bureaukraten und Diplomaten, die ihre Karriere noch nicht hinter sich haben, gewohnt ist. Das unterschied ihn von den Konservativen des üblichen Schlages, und er wollte sich unterscheiden. Er fand sich wohl dabei, daß man ihn nicht rubrizieren konnte. Er mochte kein Tory sein und war doch weit davon entfernt, sich als Liberaler im Parteisinne zu fühlen. Er war ein Konservativer mit Kenntnissen, deren Quellen sich nicht auf die Bibel, das Exerzierreglement und den Gothaischen Hofkalender beschränkten, und mit Umgangsformen, die über Art und Maß der im Kadettenkorps und bei der Garde erworbenen guten Sitten weit hervorragten. So konnte er bei uns als politisches Rätsel kokettieren.

Sein Irrtum bestand nur darin, daß er glaubte, mit solchen Eigenschaften ausgerüstet auch ein großer Staatsmann zu sein. […]

„Der Möbelwagen.“ In: Das Blaubuch, 8. Juli 1909

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.